Wer bin ich? Mein Name ist Manfred Schütz und ich versuche hier, ein wenig über mich zu schreiben.
Ich bin am 9. September 1982 im Sternzeichen Jungfrau in Tulln geboren, muss ein besonderer Tag gewesen sein, denn mein Geburtsdatum enthält eine magische Zahl (9.9.). Ich bin Zwentendorf aufgewachsen, ein Dorf mit ca. 4.000 Einwohnern, wo jeder jeden kennt: Leben am Dorf halt mit allen Besonderheiten. Zwentendorf ist durch die Volksabstimmung über die Inbetriebnahme des Kernkraftwerks am 5. November 1978 sehr bekannt geworden. Das Atomkraftwerk ging ja danach nie in Betrieb, wurde umsonst gebaut, steht also unnötig herum und wird von vielen Radfahrern aus aller Welt bewundert.
Ich bin vermutlich hörend, vielleicht auch leicht schwerhörig geboren, jedoch durch die Narkose bei der Leistenbruch-Operation im zarten Kindesalter stark schwerhörig geworden. Nach der Operation hatte ich auch hohes Fieber, vielleicht hat das auch beigetragen. Aufgefallen ist meiner Mutter, viele glaubten es damals nicht! Zum Glück glaubte unser Hausarzt und unternahm sofort die wichtigsten Schritte. Wir waren in Insbruck im Krankenhaus, bei einem Geistheiler versuchten wir unser Glück auch. Zum Glück war ich damals noch sehr klein, als man meinen Hörverlust entdeckte. Ab meinem ersten Lebensjahr fuhr meine Mutter mit mir 3 Jahre lang täglich nach Wien in den Kindergarten im Bundesinstitut für Gehörlosenbildung. Dort lernte ich schon sehr früh Sprechen, Lippenlesen und hatte auch täglich Hörtraining. Im Bundesinstitut für Gehörlosenbildung lernte ich auch meine beste Freundin, Elisabeth, kennen, mit der ich heute noch besten Kontakt habe. Die Zeit im Kindergarten im BIG war eine sehr harte Zeit, meine Mutter machte da sehr viel mit, eigentlich war das überhaupt nicht lustig, weder für sie, noch für mich.
Mit 3 Jahren ging ich nach St. Pölten in einen Integrationskindergarten. Dort bekam ich auch täglich logopädische Betreuung.
Mit 6 Jahren ging ich 1 Jahr in Zwentendorf, in meiner Heimat, in den Kindergarten. Mit 7 Jahren durfte ich dank Mutters, Lehrer Hartwig Hübners und Bürgermeister Josef Mohnls Kampf und Unterstützung in Zwentendorf in die Volksschule gehen. Viele Eltern von Mitschülern waren damals sehr gegen meine Integration und sorgten im ganzen Tullner Bezirk für Wirbel.
Das Ergebnis der gemeinsamen Bemühungen: als erstes behindertes Kind durfte ich in Niederösterreich in eine normale Schule gehen, das sorgte für viel Aufregung. 4 Jahre Volksschule und dann 4 Jahre Hauptschule in Zwentendorf verliefen reibungslos; ich war sogar ein guter Schüler. Manchmal, vielleicht auch öfters wurde ich wegen meiner Schwerhörigkeit im Dorf gehänselt. Dort bekam ich zwei- bis dreimal in der Woche logopädische Betreuung durch eine Logopädin aus Klosterneuburg und später durch einen Logopäden aus Spitz bei Krems. Zwischen 12 und 15 durfte ich im Kindergemeinderat tätig sein. Bei den Kinderfreunden, Pfadfindern und roten Falken war ich ebenfalls mehrere Jahre aktiv dabei.
Als ich neun war, trennten sich meine Eltern. Meine Mutter und ich zogen in eine kleine Wohnung, nur eine Straße von der Volksschule entfernt. Ein paar Jahre später wohnten wir für eine kurze Zeit in Heiligeneich/Atzenbrugg, wo ehemals Franz Schubert seine Werke komponierte. Bald schon baute meine Mutter wieder in der alten guten Heimat ein Haus und von da an wohnten wir wieder in Zwentendorf.
Mit 15 Jahren ging ich nach Wien, wohnte dort im Schülerheim und zog mehrmals um. Ich besuchte in Wien die 5-Jährige HTL im Schulzentrum Ungargasse, dazu auch noch das Vorbereitungsjahr, da ich mich blöderweise nicht entscheiden konnte, ob ich HTL oder HAK machen wollte und meine Eltern nicht so sicher waren, ob ich die Schule schaffen könnte.
Dennoch hab ich die HTL mit einigen Schwierigkeiten geschafft. Es gab dort einige Konflikte mit Lehrern, einige konnten mich einfach nicht leiden. Aber ich fand dort meinen alten Freund aus der Kindeszeit wieder, Christoph, mit dem der Kontakt irgendwie abgebrochen war. In dieser Schule erlebten wir eine sehr witzige Zeit miteinander – fühle dich geknuddelt von mir, lieber Christoph. Auch Elisabeth, meine erste Freundin, traf ich in der Ungargasse wieder, eine Ehre war das.
In dieser Zeit lernte ich auch sehr viele Gehörlose und Schwerhörige kennen und lieben, ich kam mit Gebärdensprache in Kontakt, die ich schnell und begeistert lernte. Ich gewann dort aber auch viele Freunde mit anderen Behinderungen, die aus verschiedensten Gesellschaftsschichten kamen.
Seit Sommer 2005 bin ich nun im Besitz einer Eigentumswohnung im 14. Bezirk und lebe dort mit meinem Mann zusammen.
Apropos: Mein Mann. Ich habe mich schon sehr früh geoutet (mit 16). Natürlich mit einigen Problemen, meine Eltern waren nicht ganz begeistert, meine Freunde waren alle sehr erstaunt, dass ich den Mut dazu hatte. Es haben viele immer wieder versucht, mich mit Mädchen zu verkuppeln, aber diese Mädchen hatten keine Chance bei mir *G*. In der Schule war ich als deklarierter Schwuler sehr bekannt, denn so etwas hatte es zuvor nie gegeben. Später haben sich dann mehrere meiner Schulkollegen ebenfalls geoutet *G*. Mit 18 lernte ich meinen ersten Freund kennen, mit dem ich 4 Jahre zusammen war. Dann lebte ich 1 Jahr solo und nun hat mich ein sehr süßer Tiroler aus dem tiefsten Dschungel Wiens gefischt :o)
In der HTL organisierte ich mehrere Veranstaltungen mit der AIDS-Hilfe Wien. Seit ich in Wien lebe, bin ich in mehrere Organisationen tätig und engagiere mich auch in viele Bereichen. Seit 2005 bin ich offiziell als Referent für Gehörlose und Schwerhörige in der AIDS-Hilfe tätig.
Zwei Anläufe habe ich auf der Fachhochschule St. Pölten genommen und dort sind zwei Gebärdensprachdolmetscherinnen in meinen Leben getreten, die mich seither begleiten. Eine davon kannte ich schon namentlich von vorher: Sabine hatte als Gehörlosenpädagogin schon mehrmals in der Volksschulzeit mit meiner Mutter gesprochen und nun kam sie als meine Dolmetscherin auf die FH. Seither sind wir verdammt gut befreundet. Patricia ist mittlerweile meine Wahl-mom geworden. Sie ist für mich wie eine zweite Mutter; immer wenn ich Probleme habe, einen Rat oder andere Hilfe brauche, kann ich mich an sie wenden. Ich kann mit ihr über alles reden, ich liebe sie über alles! Die Fachhochschule St. Pölten hab ich bald abgebrochen, weil es absolut nicht das war, was ich mir erträumt hatte, schade.
Nebenher unterrichte ich ECDL in Gebärdensprache bei Equalizent, Qualifikationszentrum für gehörlose, schwerhörige und hörende Menschen. Außerdem war ich für eine lange Zeit Organisator und Kassierer im Verein österreichischer gehörloser Studentinnen und Studenten (VÖGS). Jetzt bin ich im Medienbereich für VÖGS tätig. Eine Arbeitsgemeinschaft für Gehörlose/Schwerhörige Schwule, Lesben und Transsexuelle wurde soeben von mir auf die Beine gestellt (deaf Rainbow). Im Sommer 2005 durfte ich zum Ersten mal meine Schauspielerische Fähigkeiten in meinen Lebenslauf integrieren. Ich spielte als Gehörloser Verdächtiger in einer Serie von Soko Donau (in Deutschland heißt es Soko Wien) mitspielen.
Seit 2004 arbeite ich ganztags im Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur. Ich gehöre zur Abteilung Gesellschaftswissenschaft und bin für verschiedene Projekte zuständig, unter anderen für Subventionsangelegenheiten, was eine enorme wichtige Aufgabe ist. Im Jahr 2007 wurde durch die neue Regierung das Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur aufgeteilt. Jetzt heißt es Bundesministerium für Unterricht Kunst und Kultur (BMUKK).
Wir werden sehen, wie diese Zeilen sich in Zukunft ausbauen. Aber eines möchte ich euch sagen: Auch als junger, vom Land kommender, in der Stadt lebender schwuler Schwerhöriger kann mann auch seinen Weg machen …
[Stand: 2006]








